Das Drei-Kreise-Modell: Die eigenen emotionalen Systeme kartieren
Das eigene Bedrohungs-, Antriebs- und Beruhigungssystem verstehen – und lernen, welches im eigenen Leben überaktiv ist.
Why it works
Gilbert schlägt drei evolutionär unterschiedliche emotional-motivationale Systeme vor: das Bedrohungssystem (erkennt Gefahr, erzeugt Angst und Scham), das Antriebssystem (motiviert Ressourcenerwerb und Leistung) und das Beruhigungs-/Bindungssystem (reguliert durch Sicherheit, Verbindung und Zufriedenheit). Bei Menschen mit starker Scham und Selbstkritik ist das Bedrohungssystem chronisch überaktiviert und das Beruhigungssystem unterentwickelt – Selbstmitgefühl ist also nicht nur eine gute Idee, sondern eine untergenutzte physiologische Fähigkeit, die trainiert werden kann. Das Modell schafft die psychoedukative Grundlage für Mitgefühlstraining.
How to do it
- Drei überlappende Kreise zeichnen oder sich vorstellen, beschriftet mit Bedrohung, Antrieb und Beruhigung.
- Identifizieren, welche Gefühle und Impulse zu welchem Kreis gehören: Bedrohung (Angst, Wut, Scham, Ekel), Antrieb (Aufregung, Verlangen, Erreichen), Beruhigung (zufrieden, sicher, verbunden).
- Grob einschätzen, wie viel des täglichen emotionalen Lebens in jedem Kreis liegt – ehrlich sein.
- Bemerken, welches System man nutzt, um das Bedrohungssystem zu managen (die meisten Menschen greifen standardmäßig auf mehr Antrieb zurück).
- Das Ziel ist nicht, Bedrohung oder Antrieb zu eliminieren, sondern das Beruhigungssystem zu vergrößern, sodass es beide regulieren kann.
Evidenz
Das Drei-Kreise-Modell ist ein psychoedukativer Rahmen, verankert in affektiver Neurowissenschaft und Evolutionspsychologie. Die Bedrohungs-/Beruhigungsunterscheidung deckt sich mit gut etablierten Befunden zu sozialem Engagement und parasympathischen Systemen. Gilberts (2014) Darstellung von Ursprung und Wesen der CFT legt die drei Affektregulationssysteme als theoretisches Fundament des Modells dar. (mechanistic)
Das Drei-Kreise-Modell ist eine vereinfachte klinische Heuristik; die zugrunde liegenden evolutionären und neurowissenschaftlichen Rahmen sind gut etabliert, aber das spezifische Modell, wie Gilbert es zeichnet, ist ein klinisches Konstrukt.
Quellen
- Gilbert (2009), "The Compassionate Mind" — foundational CFT text with evolutionary and neuroscience grounding
- Porges (2011), polyvagal theory — independent neuroscience support for soothing/social engagement system
- Gilbert, P. (2014). The origins and nature of compassion focused therapy. British Journal of Clinical Psychology, 53(1), 6–41.
Häufiger Fehler
Die drei Kreise als diagnostisches Etikett nutzen ("Ich bin einfach ein Bedrohungssystem-Mensch") statt als Wachstumskarte – der Punkt ist, dass das Beruhigungssystem entwickelt werden kann, nicht dass man in einem Kreis feststeckt.
Übe das mit IX Coach
More practices for Compassion-Focused Therapy: Den inneren Kritiker beruhigen
- Die mitfühlende Selbst-Stimme entwickeln
Eine innere Stimme aufbauen, die auf dein Leiden mit Weisheit, Wärme und Engagement für dein Wohlergehen reagiert.
- Beruhigende rhythmische Atmung
Langsame, rhythmische Atmung nutzen, um bewusst das physiologische Beruhigungssystem zu aktivieren, bevor andere Mitgefühlspraktiken folgen.
- Mitgefühlsimagination: Das mitfühlende Bild und der sichere Ort
Eine lebendige mitfühlende Figur in der Vorstellung entwickeln, deren Fürsorge während Not zugänglich ist.
- Scham- und Selbstkritikmuster erkennen
Die spezifischen selbstkritischen Skripte und ihre Auslöser benennen, bevor man versucht, sie zu ändern.
- Mit mehreren inneren Anteilen arbeiten (Stuhlarbeit in CFT)
Verschiedenen inneren Anteilen – dem Kritiker, dem ängstlichen Selbst, dem mitfühlenden Selbst – Stimme geben, um den Dialog zu verstehen und zu verändern.
- Mitfühlendes Briefeschreiben
Einen Brief an dich selbst aus der Perspektive einer weisen, mitfühlenden Freundin schreiben – über etwas, wofür du dich selbst verurteilt hast.
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