Gegenwarts-Verzerrung als Eigenschaft des Geistes erkennen, nicht als moralisches Versagen
Du bist darauf ausgelegt, die Gegenwart überzubewerten — das zu benennen macht die Verzerrung handhabbar statt beschämend.
Why it works
Hyperbolische Diskontierung — die Tendenz, zukünftige Belohnungen relativ zur Gegenwart stark abzuwerten, selbst wenn die zukünftige Belohnung objektiv größer ist — ist ein gut dokumentiertes Merkmal menschlicher Kognition, kein Charakterfehler. Menschen, die finanzielle Impulsivität auf Willenskraftversagen zurückführen, reagieren tendenziell mit Schuld und Vermeidung; Menschen, die es als kognitives Muster rahmen, reagieren tendenziell mit Gestaltungsstrategien, die um die Verzerrung herumarbeiten.
How to do it
- Bemerke das Gefühl "das steht mir jetzt zu" aufkommen und benenne es innerlich: "Das ist Gegenwarts-Verzerrung, kein valides Signal darüber, was ich wirklich will."
- Verfolge eine Woche Ausgabenentscheidungen mit einer Notiz, ob der Kauf vorgeplant war oder im Moment entstand.
- Lies eine kurze Erklärung hyperbolischer Diskontierung — das Verständnis des Mechanismus reduziert seine Macht.
Evidenz
Hyperbolische Diskontierung ist einer der am besten replizierten Befunde der Verhaltensökonomie. Menschen bevorzugen durchgängig eine kleinere, frühere Belohnung gegenüber einer größeren, späteren, auf Weisen, die rationale exponentielle Diskontierung verletzen, und der Effekt ist bei kurzen Zeithorizonten am stärksten. (rct)
Das grundlegende Diskontierungsphänomen ist gut etabliert; ob Bewusstheit der Verzerrung sie reduziert, ist umstrittener — manche Forschung zeigt, dass Bewusstheit hilft, manche, dass sie es ohne Gestaltungsunterstützung nicht tut.
Quellen
- Laibson (1997), golden eggs and hyperbolic discounting, Quarterly Journal of Economics
- O’Donoghue & Rabin (1999), doing it now or later, American Economic Review
- Laibson, D. (1997). Golden Eggs and Hyperbolic Discounting. The Quarterly Journal of Economics, 112(2), 443-477.
- O'Donoghue, T., & Rabin, M. (1999). Doing It Now or Later. American Economic Review, 89(1), 103-124.
- Frederick, S., Loewenstein, G., & O'Donoghue, T. (2002). Time Discounting and Time Preference: A Critical Review. Journal of Economic Literature, 40(2), 351-401.
Häufiger Fehler
Zu schließen, dass weil die Verzerrung natürlich ist, nichts dagegen getan werden kann — was übersieht, dass Gestaltungsstrategien (Automatisierung, Vorabverpflichtung) gerade deshalb wirksam sind, weil sie die Verzerrung umgehen statt sie zu bekämpfen.
Übe das mit IX Coach
More practices for Kontinuität des zukünftigen Selbst, praktisch umgesetzt
- Dein zukünftiges Selbst lebhaft in konkreten Details visualisieren
Je spezifischer und sinnlicher dein Bild deines zukünftigen Selbst, desto weniger wertest du sein Wohlbefinden ab.
- Einen Brief vom zukünftigen Selbst an das gegenwärtige Selbst schreiben
Bitte dein 70-jähriges Selbst, dir jetzt zurückzuschreiben — mit Dankbarkeit oder Bedauern.
- Vorabverpflichtungs-Mechanismen nutzen, um das gegenwärtige Selbst an die Präferenzen des zukünftigen Selbst zu binden
Zukünftiges Verhalten vor dem Moment der Versuchung festlegen, weil dein gegenwärtiges Selbst das schwache Glied ist.
- Entscheidungen durch "wofür würde mir mein zukünftiges Ich danken?" filtern
Frage vor bedeutsamen Entscheidungen, ob dein zukünftiges Selbst dankbar oder verärgert sein wird.
- Wöchentlich an das zukünftige Selbst schreiben
Regelmäßiges Schreiben an ein benanntes zukünftiges Selbst baut die Beziehung auf und lässt zukünftiges Wohlbefinden persönlich wirken.
- Zeitliche Meilensteine nutzen, um Verpflichtungen des zukünftigen Selbst neu zu starten
Neujahr, Geburtstage und Monatsanfänge sind mächtige Verhaltens-Reset-Punkte — nutze sie, um dich neu zu verpflichten.