Gegenwarts-Verzerrung als Eigenschaft des Geistes erkennen, nicht als moralisches Versagen

Du bist darauf ausgelegt, die Gegenwart überzubewerten — das zu benennen macht die Verzerrung handhabbar statt beschämend.

Why it works

Hyperbolische Diskontierung — die Tendenz, zukünftige Belohnungen relativ zur Gegenwart stark abzuwerten, selbst wenn die zukünftige Belohnung objektiv größer ist — ist ein gut dokumentiertes Merkmal menschlicher Kognition, kein Charakterfehler. Menschen, die finanzielle Impulsivität auf Willenskraftversagen zurückführen, reagieren tendenziell mit Schuld und Vermeidung; Menschen, die es als kognitives Muster rahmen, reagieren tendenziell mit Gestaltungsstrategien, die um die Verzerrung herumarbeiten.

How to do it

  1. Bemerke das Gefühl "das steht mir jetzt zu" aufkommen und benenne es innerlich: "Das ist Gegenwarts-Verzerrung, kein valides Signal darüber, was ich wirklich will."
  2. Verfolge eine Woche Ausgabenentscheidungen mit einer Notiz, ob der Kauf vorgeplant war oder im Moment entstand.
  3. Lies eine kurze Erklärung hyperbolischer Diskontierung — das Verständnis des Mechanismus reduziert seine Macht.

Evidenz

Hyperbolische Diskontierung ist einer der am besten replizierten Befunde der Verhaltensökonomie. Menschen bevorzugen durchgängig eine kleinere, frühere Belohnung gegenüber einer größeren, späteren, auf Weisen, die rationale exponentielle Diskontierung verletzen, und der Effekt ist bei kurzen Zeithorizonten am stärksten. (rct)

Das grundlegende Diskontierungsphänomen ist gut etabliert; ob Bewusstheit der Verzerrung sie reduziert, ist umstrittener — manche Forschung zeigt, dass Bewusstheit hilft, manche, dass sie es ohne Gestaltungsunterstützung nicht tut.

Quellen

Häufiger Fehler

Zu schließen, dass weil die Verzerrung natürlich ist, nichts dagegen getan werden kann — was übersieht, dass Gestaltungsstrategien (Automatisierung, Vorabverpflichtung) gerade deshalb wirksam sind, weil sie die Verzerrung umgehen statt sie zu bekämpfen.

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