Ankereffekt bei Verhandlung und Urteil
Warum die erste Zahl gewinnt – der Mechanismus, und wie man Anker setzt und sich gegen sie wehrt
Was ist der Ankereffekt und wie beeinflusst er ein Geschäft?
Der Ankereffekt ist die Tendenz, dass eine erste Zahl spätere Schätzungen und Angebote zu sich hin zieht, selbst wenn diese Zahl willkürlich oder irrelevant ist. Er ist einer der am zuverlässigsten replizierten Effekte in der Urteilsforschung – deshalb zählt das erste Angebot in einer Verhandlung weit mehr, als man erwarten würde.
Man geht davon aus, von den Fakten zu einer Zahl zu denken. In der Praxis formt die erste Zahl auf dem Tisch die Fakten um: Sie wird zum Referenzpunkt, von dem aus jedes spätere Urteil still angepasst wird – und die Anpassung ist fast immer zu gering. Im Folgenden die zentralen Praktiken, um Ankereffekte ehrlich zu nutzen und sich gegen sie zu wehren, jeweils mit dem dahinterliegenden Mechanismus.
Übungen
- Das erste Angebot machen (wenn du informiert bist)
Wenn du die Wertspanne kennst, anker zuerst – die Eröffnungszahl zieht das Geschäft zu sich hin.
- Einen ambitionierten, vertretbaren Anker setzen
Ziele hoch genug, um die Spanne zu verschieben, aber behalte eine Begründung, damit es nicht abgetan wird.
- Gegenankern, bevor du antwortest
Wenn die Gegenseite extrem eröffnet, verhandle nicht von ihrer Zahl aus – setze mit deiner eigenen zurück.
- Präzise, nicht runde Zahlen verwenden
Eine konkrete Zahl (z. B. 9.850) ankert glaubwürdiger als eine runde (10.000).
- Das Gespräch zuerst auf Kriterien ankern
Lege den Maßstab fest, dem die Zahl folgen soll, bevor überhaupt eine Zahl genannt wird.
- Den Anker benennen, um ihn abzuschwächen
'Das ist ein Anker' laut zu sagen verringert seinen Sog – hebt ihn aber nicht auf.