Dein Leben als Erzählung sehen, nicht als Abfolge von Entscheidungen
Frag dich: Welche Geschichte lebe ich, und spiegelt sie den Charakter, den ich aufbauen möchte?
Why it works
Alasdair MacIntyre argumentiert, dass Tugend nur im Kontext einer Erzählung verständlich ist – dem Bogen eines ganzen Lebens. Deine Entscheidungen als Kapitel einer Geschichte zu sehen, statt als isolierte Entscheidungen, schafft langfristige Rechenschaft: Jede Entscheidung ist entweder konsistent mit oder eine Revision der Person, um die es in der Geschichte geht. Erzählrahmung liefert auch das Telos, das Tugenden ihren Zweck gibt, und lässt kleine, alltägliche Handlungen bedeutsam erscheinen.
How to do it
- Schreib eine zweiabsätzige „Geschichte bisher“ deines Lebens, mit dir selbst als Hauptfigur.
- Identifiziere den Charakter, den diese Person bisher gezeigt hat – nicht wer sie sein will, sondern wer die Entscheidungen offenlegen.
- Frag dich: Wenn die Geschichte von hier so weitergeht, wie sie bisher verlief, welchen Charakter endet der Protagonist damit?
- Identifiziere eine bevorstehende Szene, in der du ein anderes Kapitel schreiben könntest.
Evidenz
Erzähl-Identitäts-Forschung (Dan McAdams) findet, dass Kohärenz und erlösende Qualität persönlicher Erzählungen Wohlbefinden und Generativität vorhersagen; MacIntyres philosophischer Ansatz stimmt mit diesem empirischen Befund überein. Ein Review von Adler und Kollegen (2016) stellt fest, dass Erzähl-Identität einen inkrementellen Vorhersagewert für Wohlbefinden über Standard-Persönlichkeitsmerkmale hinaus hat, was die These stützt, dass die Geschichte, die du über dein Leben erzählst, selbst konsequenzenreich ist. (observational)
Erzähl-Identitäts-Forschung ist korrelativ; ob das bewusste Konstruieren einer kohärenteren Erzählung Charakterentwicklung verursacht, ist nicht direkt getestet.
Quellen
- McAdams, D.P. (2001), The psychology of life stories, Review of General Psychology
- McAdams, D. P. (2001). The psychology of life stories. Review of General Psychology, 5(2), 100-122.
- Adler, J. M., Lodi-Smith, J., Philippe, F. L., & Houle, I. (2016). The incremental validity of narrative identity in predicting well-being: A review of the field and recommendations for the future. Personality and Social Psychology Review, 20(2), 142-175.
Häufiger Fehler
Jede Situation zu behandeln, als hätte sie keine Geschichte – als könnte man „neu anfangen“ und die angesammelte Geschichte vergangener Entscheidungen jederzeit zurücksetzen, obwohl sie noch im Raum ist.
Übe das mit IX Coach
More practices for Tugendethik, ganz praktisch
- Die Tugenden identifizieren, die du am meisten kultivieren musst
Benenne die drei Charaktereigenschaften, deren Fehlen dich am meisten einschränkt – das sind deine Übungsziele.
- Tugend durch bewusste Habituation kultivieren
Tu die tugendhafte Handlung – auch unvollkommen, auch ohne das Gefühl –, bis die Disposition folgt.
- Deine Tugenden in eine Praxisgemeinschaft einbetten
Die Tugenden, die für Exzellenz in einer ernsthaften Praxis (Handwerk, Sport, Beziehung) nötig sind, sind echte Tugenden – finde die Praxis, die sie hervorruft.
- Aufblühen messen, nicht nur Glück
Frag dich regelmäßig: Blühe ich als Mensch auf – nutze ich meine Fähigkeiten gut – oder fühle ich mich nur okay?
- Tugenden als vernetzt üben, nicht getrennt
Wenn eine Tugend abwesend erscheint, such nach der verwandten Tugend, die ebenfalls vernachlässigt wird.
- Vorbilder bewusst wählen und studieren
Wähle eine konkrete Person, deren Charakter in einem bestimmten Bereich du verinnerlichen möchtest, und studiere, wie sie handelt – nicht nur, was sie sagt.
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